Effie #5.4 Analyse der Rede von Minister Mentor Lee

Im Folgenden Abschnitt lesen Sie einen Auszug des transkribierten und übersetzten Interviews von Jean-Marie Dru am Effie Festival, der den noch insgeheim als Fadenzieher in Singapur geltenden Vater des amtierenden Premierministers befragte. Wichtige Punkte wiederholen sich im weiteren Verlauf der Rede und werden etwas detailierter ausgearbeitet. Insbesondere die Erziehung der Bevölkerung und die Nachbarn Singapurs spielen dabei wichtige Rollen. Im zweiten und letzten Abschnitt, nehme ich die Redundanz vorweg und fasse die wichtigsten Aspekte mit einem Blick auf Networking zusammen.

Die Entwicklung Singapurs zum eigenständigen Akteur

1956 war der Start der Marke Singapur. Singapur trennte sich vom britischen Empire. Die Wirtschaft war zu dieser Zeit abhängig vom Handel. Ein Umdenken setzte mit der Trennung ein. Das Motto „first things first“ gab den Ton der entstehenden Republik an, d.h. zunächst die Wahl einer Sprache. Wir entschieden uns für Englisch, das machte alle gleich, weil es eine Fremdsprache für alle war: Die Inder, die Indonesier, die Chinesen.

Das Nächste war das Ziel, ein funktionierendes wirtschaftliches Umfeld zu schaffen, das war etwa in den 60er Jahren. Wir entschieden uns, eine Bevölkerung zu schaffen, die nicht separiert sondern zusammen lebt. Sowohl in den Schulen als auch den Universitäten wird dies weiterhin verfolgt. Wir erzogen unsere Bevölkerung, wir investierten in Bildung, es war keine Strategie, vielmehr ein Prozess des konstanten Lernens. Dessen Basis waren: „integrity of the system, rule of law, an efficient working environment, connectivity, first class infrastructure“ und dass eine bessere Umgebung als in der Nachbarschaft für Unternehmen anzutreffen ist. Es gibt keinen Grund, sich für Sie (als Land, bzw. als Delegierter eines Unternehmens zu dem er spricht in der Person Drus oder des Publikums) zu entscheiden, wenn Sie nicht besser sind. Die Mieten sind hier höher, die Löhne sind höher. Deshalb kommen die Arbeiter gerne hierher, weil sie zehnmal mehr verdienen.

Hinter öffentlicher Politik steckt keine Magie, nur: Integrität und Rationalität bei den Investitionen, was bedeutet, dass alle Investoren zufrieden sind, dass Krisen rationell gelöst und konsistent verfolgt werden. Ich denke langsam aber sicher bekommen wir unsere Nachbarn auch dahin.

Networking-Fazit des Interviews mit Minister Mentor Lee

Das Interview ist noch wesentlich länger. Die wichtigsten Argumente sind folgende, die in hier unter dem Aspekt Networking dargestellt werden.

  1. Networking wird durch eine gemeinsame Sprache erleichtert.
  2. Dadurch werden Kulturelle Unterschiede nivelliert – sofern es sich um keine Muttersprache eines beteiligten Akteurs handelt.
  3. Netzwerke heben sich von anderen durch Strukturierung/Grammatik ab.
  4. Selektion von Akteuren in Netzwerken durch Wahlen wie Schule, Universität und Wahlkampf
  5. Gerechtigkeit erzeugen durch gleiche Chancen, um als Akteur in einem Netzwerk zu wachsen.
  6. Dies wird in Singapur erreicht über das Versorgungssystem/“Delivery System“: Das Schichten durch Erziehung bildet und gleiche Hochhäuser für Akteure einer Schicht bereitstellt (HDB – Housing Development Board).
  7. Erzeugen einer Korellation von Bildung und Lebensstandard.
  8. Erzeugen eines Nebeneinander der Kulturen – ohne eine Leitkultur.
  9. Notwendigkeit des Prozesses des konstanten Lernens bei Akteuren wegen ständiger Veränderung, z.B. emergierende Nachbarn wie China.
  10. Akteure networken durch Konzepte: Das singapurische Erfolgsmodell der florierenden Stadt wurde nach China übersetzt; China vernetzt sich sukzessiv durch Sonderwirtschaftszonen mit der globalen Wirtschaft.
  11. Akteure networken durch Investitionen: Singapur investiert in bestimmte Projekte bei der Stadtentwicklung.
  12. Freie, d.h. Ausländische Investitionen entlasten den Staat: Andere zahlen für den Aufbau des Landes.
  13. Kontinuität und Stabilität verstärken sich gegenseitig: Eine Partei regiert und hält Maß; Keine Opposition kann entstehen, weil die Mitte besetzt ist.

Interessant sind auch die Metaphern, die Lee in seinen Geschichten verwendet. Sie erzählen von Effizienz, die er mit einer Hirtenanekdote anhand des trainierten Hundes und den von ihm geleiteten Schafen sowie  von Erziehung, die durch den Literaturlehrer dargestellt wird, der nur aus entsprechend Begabten Schriftsteller machen kann als auch vom Erkennen der eigenen Talenten, die er mittels seiner eigenen Schulzeit und der Orangenmalstunde beschriebt.

Dabei wird deutlich, dass es sich bei der Staatstheorie Lees um ein pars por todo handelt. Einerseits spiegeln sich die eigenschaften Singapurs  im Staatsmann, im Erziehungssystem und allen Facetten des Lebens wider. Andererseits kann das Erfolgsmodell des wirtschaftlich international orientierten Stadtstaates auf kleine Teile großen Landes – wie Städte in China – angewendet werden.

Punkt dreizehn läßt allerdings doch die Frage der sozialen Durchlässigkeit aufkommen. Es ist schwer vorstellbar, dass innerhalb der letzten sechzig Jahre der Herrschaft einer Familie über ein Land kein Netzwerk von Kontakten entstanden ist.

Über ein Magazin für die singapurische High Society ‚The Peak‘ meint meine singapurische Kollegin, dass es langweilig sei, weil dort stets die gleichen Gesichter zu sehen sind. Dort wird neben massiver Werbung von Luxusmarken etwa unter der Rubrik Peak Event über das Peak Ambassador Dinner oder den Abschied vom High Comissioner eines Landes mit Abdruck der Speisekarten berichtet – eine Fotogallerie, die auf ein internationales Phänomen verweist.

Unter den Leuten, die einem alltäglich auf der Straße begegnen wie Passanten, Taxifahrer und Händler ist eine Weisheit gang und gebe: Die Regierung ist so reich, weil sie uns das Geld aus der Tasche zieht mit Strafen und Mieten etwa.

Die implizit erfolgreichen Gäste des Effie Festivals lieben ihren Mentor wie Dru erkennt.

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