Skizze einer (X)HTML-Networking-Analyse

Eine Aktuelle Bewegung im Internet die durch eine Verdoppelung das Soziale beim Netzwerken betont, gibt Anlass das Internet in seinen Grundzügen zu Untersuchen. Während explizites Social-Networking boomt und das Internet von einer neuen Welle des Interesses an diesem technischen Phänomen führt – bei dem das Soziale noch extra betont wird -, ist es an der Zeit auf die kleinen Teile des Ganzen zu schauen, um das scheinbar überbordende Ganze genauer zu begreifen.

Das Internet bietet sich inzwischen als ein Synonym für das Wort Netzwerk mehr als an und vereint zwei Denkarten, die sich mit dem Begriff Netzwerk historisch verbinden. Die zwei folgenden Strömungen überkreuzen sich laut Erhard Schüttpelz‘ Genealogie von Netzwerken „Ein absoluter Begriff. Zur Genealogie und Karriere des Netzwerkkonzepts“ (Vernetzte Steuerung, Hg. Stefan Kaufmann, Zürich 2007, S. 25-46.). Deren vermischte Neueeinschreibung in der (Post-)Moderne verkompliziert das kkohärente, eindeutige Verständis des durch den Begriff Bezeichneten.

«Netzwerke» sind die Netzwerke von Verkehrswesen, Wasser- und Stromversorgung und der Telekommunikation, zusammengefasst: die «Netzwerke» der modernen Infrastruktur – und «Netzwerke» sind kleine Gruppen von Leuten, die auf informelle Weise innerhalb von Institutionen oder quer zu ihnen im Austausch stehen.

Dies entspricht einem Bruch mit der alten Weltordnung oder besser Weltsicht der mikrosoziologischen Netzwerke und der makrotechnologischen Netzwerke. Irgendwann in der Mitte des 20. Jahrhunderts wendete sich dieser Blick auf Netzwerke jeweils um 180 Grad. Bis in die 80er Jahre beherrscht eine Überkreuzung biologischer Terminologie mit technischen Artefakten – alias die Systemtheorie – die Untersuchung der makrotechnologischen Netzwerke. Eine metaphorische Melange von Natur und Kultur oder von Natur- und Ingenieurswissenschaften (Technik) wird  eingeführt. Schüttpelz legt anschaulich dar, wie diese bereits gegen Ende des letzten Jahrtausends vom Netzwerk wieder abgelöst wurde – und dennoch fortbesteht.

Die soziale Seite der Netzwerke mutierte demzufolge in der Forschung etwa so: In den 1980ern interpretierten Theorien Netzwerke um. Die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) macht in sozialwissenschaftlichen Kreisen populär, was Schüttpelz folgend bereits bei Hughes implizit anklingt. Sie proklamiert den Einklang von (einst vermeintlich getrennten) technischen und sozialen Netzwerken und (e-)laboriert um das obige Crossing Over.

Theorien in dieser Tradition betonen explizit die heterogenen Akteuren, die bei der Nutzung der Kultur, Technik oder einfach makrotechnologischer Netzwerke von Bedeutung sind. Politik, Wirtschaft, Recht und Wissenschaft fließen ineinander, die gesellschaftlichen Akteure – und dazu gehören inzwischen unsichbar kleine Akteure wie Kohlanstoffdioxid – networken sozusagen.

Methode ist quantitativ gesehen, zunächst Ingenieure bei der Arbeit zu studieren, indem ein Soziologe wie Bruno Latour Wissenschaftsstudien betreibt. Er untersucht also seine Kollegen.

Doch das ist nur das Auge des Hurrikanes, dessen Weg sich erst im Nachhinein genau beschreiben lässt. Der technische Begriff nimmt seinerseits längeren Anlauf. Geschwindigkeit nimmt dieser bereits am Anfang des letzten oder gar Ende des vorletzten Jahrtausends bei Edison auf, folgt man Schüttpelz‘ Genealogie des Netzwerkbegriffs. Dessen inzwischen erreichte Tragweite  – die Schüttpelz mit dem All des Alles vergleicht – führt ferner zum Ende der Nutzbarkeit dieses Begriffes in naher Zukunft.

Ähnlich fühlten Proponenten der ANT wie Bruno Latour, dass die starke Betonung des Technischen die ursprüngliche Stoßrichtung der ANT unterminierte und sahen das Ende dieser Bewegung kommen, die in einem holistischen Ansatz Mensch und Nicht-Menschen zu vereinigen suchte, um gemeinsam Lösungen für zeitgenössische Problemstellungen zu finden – nicht zuletzt mit der kontroversen und leicht mißverstandenen Analogie von Akteur=Netzwerk.

Die ANT oder das Monster, wie Latour es auch nannte, inspirierte vor allem Ingenieure und Forschungen über sie. Es untersuchte Schüttpelz zufolge insbesondere mikrotechnologische Netzwerke womit die Revolution auf Seiten der Technik ins Jetzt verweist. Andererseits wurden in neuerer Zeit gerade makrosoziologische Netzwerke untersucht, die jene anrüchige Komponente der beginnenden soziologischen Netzwerkforschung bezüglich informeller Netzwerke völlig abgeschüttelt hat. Netzwerke sind nun Organisationen (von aktoriellen Unternehmungen). Sie sind erstrebenswerte Stützen der Demokratie und werden etwa von politischen Stiftungen, deren Forschern oder Unternehmensberatern etc. gefördert.

Man sollte die Genealogie der aktuellen Netzwerkterminologie daher nicht nur in wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen suchen, sondern auch in ganz praktischen Anleitungen und in Kulturtechniken, und zwar aus jenen Bereichen, wie sie Cherry 1957 zusammenfasste: «Logistik, Operational Research, Zeit- und Bewegungsstudien, Produktionsplanung in der Industrie, wirtschaftsstatistische Zählungen, Meinungsforschungsinstitute, Wirtschaftslenkung.»

Statt stabile Netzwerke rücken miteinander vernetzte Arbeitsabläufe in den Fokus, die zur vorübergehenden Zusammenarbeit von Arbeitsgruppen führen, wie Schüttpelz weiter gen Gegenwart übersetzt: „Die Welt ist alles, was in einem solchen Flussdiagramm der Fall ist“. Er setzt diese Erkenntnis in Anführungszeichen – wahrscheinlich wegen der hohen Abstraktion, dieses Ergebnisses. So wird der ausufernd philosophische Impetus der ANT ironisch als ein gegebenenfalls massiv großes Flussdiagramm nahegelegt, das alle zeitgenössischen Handlungen miteinander verbindet.

Sein Text über den Begriff Netzwerk kommt zu einer – vielleicht – verblüffenden Forderung. So mündet die Geschichte des Wortes Netzwerk  in die Forderung nach einer mehrfachen Mediengeschichte. Sie evolviert aus der Unterscheidungsmöglichkeit von Netzwerktheorien anhand deren spezifischer Kopplungen – oder des Networkings – von Personen, Artefakten und Diagrammen. Nach Schüttpelz rechtfertigt dies die Inauguration einer dreifachen Mediengeschichte, die diesen Akteuren durch die Zeit folgt.

Widmen wir uns zunächst einem volatilen Teil dieser Mediengeschichte, dem Artefakt Internet und seiner metaphorischen Grundlage der textuellen Vernetzung von Zeichen zu Einheiten im Sinne von Networking als (inter-)aktives Netzwerk von Personen-Artefakten-Diagrammen. Dieses Fragment möchte ich in einigen nachfolgenden Teilen anhand eines autodidaktischen Tagebuches ergründen und für interessierte ergründbar machen, ohne die anspruchsvolle Dreifaltigkeit apriori anzustreben – dazu bedarf es einer Community und die muss erst noch entstehen…

Für die autodidaktische Schulung in Sachen Akteur-Netzwerke schaffe ich die Unterkategorie Soziotechnik, in die genau genommen bereits ältere Artikel fallen – zu deren Einordnung komme ich sukzessive, um Ihnen eine einfachere Navigation durchs Netz unter diesem Aspekt anhand dieses Blogs zu gewährleisten.

Somit wird das Unterfangen über Networking zu bloggen zu einem Bestandteil eines Diagrammes voller reziproker Verweise in letztlich (X)HTML.

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5 Kommentare

  1. […] Netzwerk hr versus System Emig Das “System Emig” ist ein Beispiel für die negative Seite von Networking oder schlicht negativ Networking wie ich zeitgemäßer formulieren möchte. Immerhin handel es sich um kein Biotop sondern eher ein Netzwerk in seiner alten Bedeutung. […]

  2. […] System – in der technischen Terminologie dieses Blogs, müsste es Netzwerk heißen – kommt die Angelegenheit nahe, wenn es um […]

  3. […] Fundraising über Facebook Networking im Internet ist ganz alltäglich. Explizit wird es beim Social Networking über Plattformen wie Facebook oder […]

  4. […] zeigt sich, wie Artefakte, Diagramme und Personen zusammen evolvieren und wie berechtigt eine dreifache Mediengeschichte ist, die diesen durch die Zeit folgt, wie Schüttpelz es […]

  5. […] den quantitativen Fakten über Social-Networking, das zu DEM Phänomen für 2008 erklärt wird, lässt sich aus der Studie auch etwas über das […]


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