Wissenschaftlichkeit des Alltags

Eine Möglichkeit zu lernen ist, den Besten auf die Finger zu schauen. Bloß wie komme ich nah genug an die Finger der Besten heran, ohne alleine für den Zugang massiv Zeit aufzuwenden?

Eine andere Möglichkeit ist es, Berichte zu lesen, im Netz in Büchern oder in anderen Medien. Besonders interessant wird das, wenn es sich um wissenschaftliche Studien handelt, die allgemein verständlich und zugänglich sind. Insbesondere, wenn diese Berichte über Beobachtungen sind, die Ihr Interesse wecken. Etwa weil Sie Medien benutzen oder gerne Filme machen. Der Medienbereich betrifft irgendwie jeden von uns. Studien und Überlegungen über das Studium mit Medien sind deshalb äußerst interessant und sollten weithin bekannt werden.

Dieser Aufgabe widmet sich das Kürzel FQS. Genauer heißt dieses Forum: Qualitative Social Research/Sozialforschung und wie der Name ahnen lässt, verbirgt sich eine Interessengemeinschaft dahinter, die uns untersucht. Wie interessant Sozialwissenschaft sein kann und wie stark Medien an Wissenschaft beteiligt sind reflektiert die dritte Veröffentlichung im Jahr 2008 des Onlinejournals mit dem Thema Visuelle Methoden/Visual Methods.

Wer immer schon einmal wissen wollte, wie Profis Filme schneiden, findet mit dem Beitrag Video Analysis/Video Analyse von Eric Laurier, Ignaz Strebel und Barry Brown ein inspirierendes Beispiel anhand einer Filmproduktionsstudie. Sie gibt Einblick in den Alltag eines preisgekrönten Editingprofis namens Walter Murch und inspiriert vielleicht auch den ein oder anderen Amateur, da er ein Pionier bezüglich Final Cut zum Schnitt für Hollywoodfilme anstelle von sündhaft teuren Studioanlagen ist.

Networking verschiedenster Akteure

An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs zugunsten des Themas – Networking – dieses Blogs erlaubt, der an anderer Stelle bereits seine Open Source suchte. Der Eintritt des professionellen Videoschnitts in den Haushalt wird über die abgespeckte Version Final Cut Express für den Ottonormalverbraucher erschwinglich und ist in seiner weiter abgespeckten Version iMovie Standardausrüstung eines Mac. So wird Networking ausgeweitet: Versioning ist nichts weiter als ein in der Industrie verwendetes Networking für Produkte. Produkte, die über verschiedene Zusammenstellungen miteinander verbunden sind wie eine Familie. Trotz positiver Effekte für den Verbraucher ist dieser Verbund bezüglich PPPs (Public Private Partnerships/Öffentlich Private Partenerschaften oder Networking von Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung) weniger erwünscht und evozierte ein Manifest.

Diese Art der Referenz – das Versioning (und die Liaison mit der Wirtschaft) – nutzt auch die Wissenschaft, die sich medial niederschlägt. So findet die Vernetzung der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit bei FQS ein gutes Beispiel, das sozial und technisch zugleich ist. Dieser Akteur namens FQS ist seinerseits Resultat des Networkings von Wissenschaftlern, die wiederum, wie im oben genannten Beispiel (methodisch und publizistisch) networken um Beiträge zu erstellen. Neben der Verstrickung der Wissenschaftler untereinander entsteht die typische  Vernetzung von Wissenschaft und (hier: Film-) Wirtschaft einer empirischen Studie. Besonders beachtenswert ist die (in der als Beispiel exponierten Studie) reflektierte Wissenschaftlichkeit des Alltags, die auch als Pragmatik bekannt ist. Praktisch schrieben die Wissenschafter und bezogen Texte, manchmal Bilder und Diagramme anderer mit ein.

Die Autoren ziehen die Parallele der Filmerstellung zu Latours Blackboxing mit der aus dem digitalen Schnitt resultierenden Liste – als Spitze des Eisberges der Dokumentation -, die für den Schnitt des nicht digitalen Films (das Negativ) nach einem langen Verhandlungs- und Referenzierungsprozess verwendet wird.

Was fehlt?

Nichts! Ein Film ist Teil dieser Publikation. Zwar steht kein Film am Ende des Projekts, doch die detaillierte schriftliche Beschreibung des Prozesses betont wichtige Aspekte vielleicht besser – vor allem mit Hyperlinks-, als sie in einem Film vermittelt werden, der auch nur Teile des Prozesses zeigen kann, dies aber linearer realisiert.

Womit der Unterschied zwischen Alltag und Wissenschaft deutlich wird. Neben dem Analysieren sollte der nichtwissenschaftliche Pragmatiker versuchen die – über andere – beobachteten Phänomene praktisch umzusetzen und etwa einen Film resultieren lassen, während der Wissenschaftler eher semantisch bleibt und wie im Beispiel – nicht pragmatisch – keinen Film aus dem Erlernten resultieren lässt sondern lediglich einen Text fast ohne Hyperlinks auf einer Webseite mit einer Filmsequenz.

Das Originäre und Finale der Wissenschaft ist und bleibt somit der Text mit Referenzen – die schiere Inkorporation der Theorie -, der wie im Internet ein (textuelles) Netzwerk entstehen lässt, das allerdings, leider noch zu oft, schlicht ohne Hyperlinks auskommt.

Ein anderes Extrem

Bei Internetdiensten wie vodpod (siehe rechter Rand dieser Seite) tritt ein anderes Extrem der multimedialen Narration auf. Über das Standbild hinaus werden Bewegtbilder und Audio bei vodpod nicht nur vernetzt in einer technisch übersetzten Linksammlung, die den Internetdienst nicht zuletzt ausmacht, sondern zum Inhalt, zum Sinn. Wie bei einer Compilation, geht es nicht mehr darum neuen Inhalt zu schaffen, sondern alten Inhalt neu zusammenzustellen.

Bei der Literaturwissenschaft ist es ähnlich, und wieviel Anteil wissenschaftlicher Arbeiten ist im Prinzip Literaturwissenschaft? Ein großer, denn ohne den wissenschaftlichen Stand abzubilden oder zusammenzufassen, kommt keine Arbeit aus, die sich wissenschftlich schimpft. Die Basis dafür ist Lektüre, die in Zitaten und einer Literaturliste nchverfolgbar wird.

In Zukunft ist es wünschenswert, wenn ein solcher Zwischenweg geganen wird, wie er mit dem Einbezug eines Filmes in der Arbeit von Laurier, Strebel und Brown beschritten wird. Texte dürfen dann profund sein und Filme oder andere Medien verlinken, auf die sie sich beziehen. (Diese Ressourcen können dafür auch geschaffen werden.) Das ist der Service, die Pragmatik, den/die das Internet bietet und implizit auch von der Wissenschaft einfordert – vorausgesetzt das Urheberrecht, bzw. die Inhaber der Rechte spielen mit.

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1 Kommentar

  1. […] Katja Mruck und Günter May die Initiatoren von FQS (siehe auch Artikel Wissenschaftlichkeit des Alltags) sprechen auf Küchenradio über diesen Ansatz der als Open Access der Wissenschaft aus Versehen […]


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