Flyer und Kalender- Networking der alten Schule

Dieser Artikel geht von aktivistischen Medien aus und exploriert eine aktuelle Krise. Er reflektiert das Radikale im Globalen und zeigt anhand des Konzepts der Glokalisierung auf, wie unfunktionell der Einsatz von Waffen gegen Ideologien und Aktionsnetze, bzw. Organisationen in Städten ist.

Ein Flyer der auf Demonstrationen in Houston verteilt wird vernetzt einige Informationsmedien der Aktivisten für Frieden in Palestina/Israel auf einem kleinen Stück Papier – und über die Webseite von Indymedia.

Eine historische und doch aktuelle Variante des sogenannten radikalen Networkings existiert auch in Form eines Kalenders unter dem Namen Slingshot. Auf der Webseite zum Kalender findet sich weltweites radikales Networking.

Aber wer wird via Flyer vernetzt und was ist radikal?

Es werden vor allem palestinensische Akteure unterstützt, deren Standpunkt weniger populär in der amerikanischen Medienlandschaft präsentiert wird und deren Information etwa durch die Zugangssperre für Journalisten nach Gaza exklusiv sind:

Sofern diese als radikal eingestuft würden, wird impliziert, was radikal bedeutet: anders als oder anti die anderen und im Extrem gegen die Verfassung. Wobei die anderen als eine tatsächliche oder angenommene Mehrheit zu verstehen ist – die Masse. Dadurch kann sich zugleich ein gewisses Problem bezüglich der Demokratie ergeben, sofern diese repräsentativ ist und auf einer homogenen oder homogenisierten Mehrheit fußt.

Unproblematisch ist dies, sofern Demokratie als Pluralismus verstanden wird, bei dem sogar heterogene Akteure einen Konsens finden. Wobei Radikale eine Konsensfindung sicherlich erschweren, wenn nicht gar per Definition zu verhindern suchen. Eine Gruppe in Houston zeigt, dass einige der obigen Akteure nicht in diesem Sinne radikal sind, da sie sich demokratisch zu einigen versuchen.

Durch das Radikale im Sinne von Andersartigkeit werden Öffnungen von exklusiven Gruppen zunächst denkbar und hoffentlich als interkulturelle Brücken zwischen heterogenen Akteuren ermöglicht. Das Networking dafür trägt etwa den Namen: Houston Coalition for Justice and Peace in Palestine (HCJPP). Radikal steht dann für den unbedingt notwendigen Wandel innerhalb von Demokratien.

Radikale Verständigung zwischen Kontrahenten wird ferner als Revolution bezeichnet, sofern sie realisiert werden kann. Eine Revolution wäre Frieden in Israel und Palästina, der auf einer Demokratie basiert, die beide Volksgruppen vereint.

Der Konflikt in Gaza findet aber in keiner Demokrarie statt, sondern auf einer internationalen Ebene, die auch von der Liste erreicht wird. Radikal wäre nach der Liste zu Urteilen als eigenartig, eigensinnig oder tendenziell einseitig im Sinne von Oppositionell oder Ideologisch, beziehungsweise Grundsatztreu zu verstehen.

Somit ist Radikal die jeweils lokale Re-Interpretation globaler Artefakte im Zuge der Glokalisierung (Heterogenisierung von Akteuren/Netzwerken) während des Prozesses der lokalen Differenzierung von der Globalisierung (Homogenisierung von Akteuren/Netzwerken – die Entstehung des Staates Israel kann als Teil der Globalisierung verstanden werden), bzw. deren Importierten Artefakten/Ideen.

Das Radikale stellt sich somit gegen Opportunismus, Pragmatismus, Realismus und im Extrem gegen die Kompromissbereitschaft, bzw. die Erkenntnis der homogenen Akteure im heterogenen Netzwerk (etwa in Czarniawskas Beispiel vom Pakistanischen Führer in einem Auto mit Aufklebern auf der Scheibe von Parkhäusern bei einer Demonstration gegen die USA).

Ferner stellt es sich gegen das, was allgemein nicht hinterfragt wird oder als die Wahrheit gilt. Es kann positive Kräfte zur Vereinigung bringen, etwa durch Dekonstruktion. Ein Wandel kann damit angestoßen werden, der an der Wurzel ansetzt. Durch Verschiebung/Neueinschreibung wird die Erkenntnis der möglichen Verbindungen bei Aufrechterhaltung der Differenz möglich.

Die offene Frage ist, warum und wie entsteht andauernd das Radikale.

Eine plausible Antwort könnte lauten: Es entsteht aus dem radikalen Zweifel, der strikten Opposition, die ebenso abstrahierend blind ist wie das, wogegen sie vorgeht. Wäre dann nicht der Schluss richtig, das Radikale oder besser den Zweifel auszurotten, um Frieden herzustellen? In ersterem Fall würde das genau zum Gegenteil führen. Da Radikale – die das Radikale begründen – auch nur Menschen sind. Deren Ausrottung wäre radikal und somit resultierte diese Aktion im Radikalen. Die Offensive in Gaza ist eine radikal asymmetrische Aktion und tendiert in jeder Hinsicht zum Extremismus – was sich nicht zuletzt quantitativ anhand der Opferzahlen nachvollziehen lässt.

Was den Zweifel betrifft, der ist längst institutionalisiert! Die Wissenschaft widmet sich diesem Bereich seit Jahrhunderten und hat es doch nicht geschafft, das Radikale vom Brutalen zu trennen. Der Extremismus besteht fort.

Die Katze beißt sich selbst in den Schwanz. So sind einfach alle Radikalen Aktivisten, genauso wie alle Journalisten sind, wenn sie handeln statt behandelt werden. Vielleicht sind sie auch alle radikal, weil sie mitmischen anstatt gemischt zu werden: Don’t hate the media – be the media … and let there be peace! Die Radikalen müssten nur lernen weniger brutal zu kommunizieren und zu akzeptieren, dass es sich um eine Krise der Representation handelt. Solche Krisen können nicht durch Bomben gelöst werden, denn Aktionsnetze/action nets sind schlicht und einfach immateriell.

Israels Gegner ist keine Entität, keine große Organisation, die ein solides Ganzes darstellt sondern ein komplexes unordentliches Aktionsnetz – wie jede Stadt ein nahtloses Netz von interorganisationellen Netzwerken ist. Israel gibt vor, dass nur eines davon zerstört werden soll, doch dazu ist kein lokaler und kein globaler Feldzug in der Lage. Auch nicht, wenn die Medien zurückgehalten werden. Wie sich zeigt ist der „Kollateralschaden“ dieser kollektiven Strafe unverhältnismäßig.

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